„Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“
Sir 1,10 Monatsspruch September 2022

Das Buch Jesus Sirach gehört zu den alttestamentlichen Apokryphen. „Apokryph“ heißt verborgen und dunkel. Das klingt geheimnisvoll. So mag mancher sich fragen, was das für Schriften sind, die sich in einigen Ausgaben der Bibel finden, in anderen nicht. Es sind religiöse Überlieferungen, die aus einer Zeit stammen, als die Sammlung der biblischen Schriften nicht mehr in hebräischer, sondern in griechischer Sprache erfolgte, – ungefähr ab 200 Jahre vor Christus. Dann gab es neben einer älteren hebräisch-sprachigen Sammlung biblischer Bücher auch eine neuere in griechischer Sprache, die sog. Septuaginta. Diese war umfangreicher, weil sie ja neben den älteren eben auch die jüngeren Schriften enthielt. Als Martin Luther später die Bibel in die deutsche Sprache übertrug, hielt er sich an die hebräische Sammlung. Über die Schriften indes, die nur in der Septuaginta überliefert waren, sagte er: „Das sind Bücher, die der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind.“

Das Buch Sirach also sei „nützlich und gut zu lesen“! Davon war auch derjenige überzeugt, der es für die Nachwelt überliefert hat. In einem Vorwort schreibt er, dass er von seinem Großvater, der Jesus Sirach hieß, eine Sammlung von Weisheiten erhalten habe, die ihm halfen, in rechter Weise gottesfürchtig zu leben. Diesen Schatz wollte er weitergeben und er bittet seine Leser – also auch uns – dieses Buch „freundlich aufzunehmen und aufmerksam zu lesen“.

Gleich zu Beginn des Buches stoßen wir nun auf den Spruch: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“
Weisheit wird hier mit Schönheit verbunden. Der Grad möglicher Weisheit wird an Schönheit bemessen, nicht etwa daran, was sie uns nützt. Ein toller Gedanke! Ist Schönheit doch das, was uns Menschen unmittelbar erfreut. Schönheit hat die Kraft, uns zu faszinieren, zu ergreifen und herauszureißen aus manch quälender Frage – und uns stattdessen ein Gespür davon zu vermitteln, dass die Welt, in der wir leben, in ihrem tiefsten Grund richtig und gut ist.

Wenn Jesus Sirach Schönheit als Gradmesser von Weisheit benennt, so lässt er uns Weisheit als ein Spiegelbild dessen erkennen, was sich für uns als schön und tragfähig erwies. Weisheit besteht demnach darin, die tragenden Erfahrung des je eigenen Lebens zu bündeln und zu gewichten. Sie besteht darin, zu entscheiden, wozu zu leben sich lohnt. Sie ist das Vermögen, unserem Herzen eine Richtung zu geben. Neben Klugheit und Scharfsinn gehören Emotionen und Gefühle zu ihr, Vertrauen und der Mut, selbst für das einzustehen, was wir für wichtig erkannt haben. Das ist etwas anderes als Cleverness, die uns erlaubt, möglichst verlustfrei durch die Welt zu gelangen. Weisheit hat ihren Sitz im Herzen und hat mit Liebe zu tun. Und Gott lieben, ist die allerschönste Weisheit – so bezeugt Jesus Sirach.

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