Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über euerm Zorn untergehen.
Epheserbrief 4,26; Monatsspruch März 2022

Zorn! Bei den einen erhitzt sich das Gemüt rasch, andere halten vieles aus, bevor sie aufbrausen. Zorn kommt vor – das weiß der Schreiber des Epheserbriefes. Er kennt uns Menschen gut genug. Aber wenn dies passiert, schreibt er, so sündigt nicht. „Lasst Eure Wut nicht über Euch herrschen!“ ließe sich übersetzen und entsprechend fügt er hinzu: „Lasst die Sonne nicht über euerm Zorn untergehen.“
Bei uns geht die Sonne am Weststrand unter. Bildlich können wir uns vorstellen, wie wir am Meer stehen, wie sich das Abendrot ausbreitet und wie wir dabei empfinden, dass es Größeres und Wichtiges gibt, als die Unruhe, die in unserem Herzen tobt. So verebbt mit den einschlafenden Wellen auch unsere Wut. Aber kommt sie mit der aufgehenden Sonne nicht wieder hervor?
Unser Ärger mag Ursachen haben, die mit dem Sonnenlicht nicht verschwinden. Es gibt Streitigkeiten, die wollen und müssen wir ausfechten, Verletzungen gibt es, die nicht heilen, wenn wir uns ihnen nicht zuwenden. Doch sollen wir dies nicht im Zorn tun, sondern uns bemühen, besonnen die sachliche und die persönliche Ebene nicht zu vermengen. So sagt uns der Epheserbrief.
Leicht gesagt! Nur leicht ist das nicht. Was, wenn wir uns persönlich tief enttäuscht oder angegriffen fühlen? Was, wenn andere selbstgefällig und rücksichtslos ihre Interessen auf Kosten eines gedeihlichen und fairen Umgangs miteinander umsetzen? Beispiele kennen wir doch! Was, wenn der Zorn richtig gärt und wir seinen Anlass nicht ausräumen können?
Dann gilt der Rat des Epheserbriefes erst recht! Immer geben wir einen Teil von uns selbst auf, von unserer Souveränität und unserer eigenen Weite, wenn wir uns von Zorn und Wut leiten lassen. Wir machen uns kleiner als wir sind – und den anderen größer, als er es verdient. Achten wir uns selbst! Ein Blick auf uns selbst lässt uns auch wahrnehmen, welchen Anteil wir in Konflikten tragen. Oder er hilft uns – sollten wir der Willkür anderer ausgeliefert sein – wahrzunehmen, wo uns an anderen Stellen vergleichbare Fehler unterlaufen. Solche Erkenntnis stimmt uns versöhnlich und hilft uns, innere Türen offen zu halten. Sie hilft uns Brücken nicht abzubauen, die begehbar sein sollten, wenn sich Wege zur Versöhnung auftun.
Wege zur Versöhnung offen zu halten. Darum geht es dem Epheserbrief. Eine Haltung empfiehlt er, die uns nicht leichtfällt, doch in die wir uns einüben können. Abends am Weststrand vielleicht? Oder an jedem Freitag im Friedensgebet. Regelmäßig begegnen uns dort Worte aus dem Epheserbrief, die im Anschluss an den oben genannten Monatsspruch stehen: „Seid untereinander freundlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

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